|
Konzertkritiken Simon & Garfunkel-Tour
2004
|
aus WEB.DE Portale:
Simon & Garfunkel beenden «Old Friends»-Tour
Rom (dpa) - Mit einem spektakulären Konzert vor der imposanten Kulisse des römischen Kolosseums hat das legendäre Folkpop-Duo Simon & Garfunkel am Samstag seine «Old Friends»-Tour beendet.
Rund 600 000 Fans strömten auf die Straße vor den Kaiserforen und feierten die beiden Altmeister mit stürmischem Applaus. 1981 hatten die Superstars bei ihrem unvergessenen Central-Park-Konzert in New York 400 000 Menschen begeistert. Die weltberühmten Musiker hatten sich nach langjähriger Trennung erst im vergangenen Jahr wieder zu einer Tour vereint und in den USA und Europa insgesamt 52 Konzerte gegeben.
Das Kolosseum war in Rot- und Blautöne getaucht, während die mittlerweile 62-Jährigen auf einer 520 Quadratmeter großen Bühne noch einmal ihre Welthits sangen: «The Sounds of Silence», «Mrs. Robinson», «Cecilia» und «Bridge over troubled water». Auch die Everly Brothers - in den 60er Jahren die großen Vorbilder für das Duo - waren mit von der Partie und spielten unter anderem ihren Evergreen «All you have to do is dream».
Der von der Stadt Rom organisierte Event war komplett gratis -
wie schon im Vorjahr das umjubelte Konzert, das Paul McCartney am Kolosseum
gab. Der Verkehr in der Ewigen Stadt wurde 24 Stunden vor Beginn der Veranstaltung
umgeleitet, mehrere Straßen wurden gesperrt. «Das war eines der
großartigsten Musik-Events aller Zeiten. Wer weiß, ob Simon &
Garfunkel jemals wieder zusammen auftreten werden», sagte ein römischer
Fan.
© dpa - Meldung vom 01.08.2004 11:42 Uhr
Zeitreise
Simon & Garfunkel, The Everly Brothers
von Carsten Wohlfeld
Köln, Kölnarena, 20.07.2004
Nach mehr als zwanzig Jahren endlich wieder gemeinsam auf der
Bühne: Simon & Garfunkel. Eintrittspreise von bis zu 200 Euro (für
Großarena- und Stadionkonzerte!) und die Tatsache, dass Paul Simon im
Vorfeld keinen Zweifel daran ließ, dass ihn an dieser Reunion vor allem
die Kohle interessierte, konnten kaum jemanden abschrecken, und so war die Kölnarena
dann auch schon viele Wochen im Voraus restlos ausverkauft. "10 000 people
(maybe more)" wollten das berühmteste Duo der Popgeschichte (noch
einmal) sehen, und auch wenn die Show - ähnlich wie Simons Soloauftritte
- eher einer Theaterinszenierung denn einem Popkonzert glich und die Setlists
(und streckenweise sogar die Ansagen) Abend für Abend absolut identisch
waren, war es dennoch ein großes Erlebnis.
Kurz nach halb neun kamen die zwei inzwischen über 60-jährigen Herren
auf die Bühne, sahen - abgesehen von Simons immer breiter werdendem Scheitel
- genauso aus wie vor 35 Jahren und stellten gleich mit dem ersten Song klar,
dass eine Abendgage von einer (geschätzten) Million so manche Zwistigkeiten
der Vergangenheit vergessen machen lässt: Los ging's nämlich mit "Old
Friends" und einigen kleineren Abstimmungsproblemen, aber das bekam kaum
jemand mit, denn die Halle tobte. Auch die zweite Nummer - ebenfalls aus dem
"Bookends"-Album - war noch ein wenig holperig, und das, obwohl "Hazy
Shade Of Winter" doch eigentlich einer der Trümpfe der zwei ist. Das
Arrangement verdankte interessanterweise der rockigen Bangles-Coverversion mehr
als dem S&G-Original. Richtig los ging das Konzert deshalb erst mit dem
Politstatement "America", von Charmeur Garfunkel perfekt auf Deutsch
angekündigt, während Simon mit versteinerter Miene in die Kamera schaute,
die das Spektakel auf vier Leinwände zauberte und somit auch für die
Menschen auf den billigen Plätzen (sogar die Sitze hinter der Bühne
waren verkauft worden!) sichtbar machte. Das erste Highlight war "Pauls
schönstes Liebeslied", wie Garfunkel es nannte: Die Gänsehautversion
von "Kathy's Song". In der ersten Hälfte der Show spielten Simon
& Garfunkel übrigens ganz offensichtlich die Nummern, die ihnen selbst
am Herzen lagen und das waren - mit Ausnahme von "I Am A Rock" - nicht
unbedingt die Megahits.
Deshalb wurde den beiden von zwei alten Hasen fast die Show gestohlen. Nach
einem kurzen Abstecher zu ihrem allerersten Song "Hey Schoolgirl"
(damals noch als Tom & Jerry - Simon war Tom!!!) erzählte Tom, pardon,
Simon nämlich, dass sie damals nichts anderes gemacht hätten, als
ihre großen Idole, die Everly Brothers, bis ins kleinste Detail zu kopieren.
Und eben jene Everly Brothers standen dann plötzlich auf der Bühne
der Kölnarena, sahen beide mindestens 25 Jahre jünger aus als sie
sind und spielten vier Songs. Aber nicht irgendwelche Stücke, sondern ihre
vier besten und bekanntesten: "Wake Up, Little Suzie", "All I
Wanna Do Is Dream", "Let It Be Me" sowie (zusammen mit Simon
& Garfunkel) "Bye Bye Love". Und das in puncto Timing und Gesang
in einer Perfektion, von der selbst die Hauptakteure des Abends nur träumen
können. Das war wohl auch Simon & Garfunkel klar, denn nach dem Intermezzo
der Special Guests brannten sie ein wahres Hitfeuerwerk ab: "Scarborough
Fair", "Homeward Bound", "El Condor Pasa", "Mrs.
Robinson" (mit Dustin-Hoffman-Einspielung auf der Leinwand) und ein wunderbares
"The Sound Of Silence". Die Arrangements die Songs waren eine Gratwanderung,
die fast stets glückte: Einerseits behutsam aktualisiert, um den Staub
der Nostalgie zu vertreiben, andererseits nah genug am Original, um die Touristen
im Publikum Freudentränen weinen zu lassen. Das lag nicht zuletzt auch
an der kompetenten Backingband des Duos. Der reguläre Teil des knapp zweistündigen
Auftritts endete - wie könnte es anders sein? - mit "Bridge Over Troubled
Water" und einem weiteren gesanglichen Glanzlicht Garfunkels, dem der Abend
sichtbar mehr Spaß bereitete als Simon, dem nur bei den letzten Nummern
ob der überwältigenden Publikumsreaktion ein Lächeln übers
Gesicht huschte. Interessant auch, dass sich die zwei für eine der vier
Zugaben die vielleicht obskurste Nummer des Abends aufgehoben hatten. "Leaves
That Are Green" kannten im Saal offensichtlich nur die wenigsten, dabei
kennt wohl jeder Punkrocker die Anfangszeilen "I was 21 years when I wrote
this song / I'm 22 now, but I won't be for long". Nur waren eben keine
Punkrocker im Publikum und Songs wie "Cecilia", "The Boxer"
und das abschließende "Feelin' Groovy" (mit einem fast schon
an "Pet Sounds" erinnernden Improvisationsteil) deshalb die klaren
Favoriten der Massen vor der Bühne. Kritik? Es erschien etwas seltsam,
dass Garfunkel sich mehrmals für den glanzvollen Empfang durch seine deutschen
Fans bedankte, dabei aber ganz eindeutig nicht für Simon sprach, der sich
das Ganze eher gelangweilt anhörte. Und "For Emily (Whenever I May
Find Her)" fehlte auch, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein. Denn auch
so war es ein rauschender Abend mit zwei großen Talenten, die mit diesem
Konzert einen Riesenreibach, aber auch Tausende Menschen glücklich machten.
Was den Wohlfühlfaktor angeht: Das Konzert des Jahres.
Setlist:
Old Friends, Hazy Shade of Winter,I Am A Rock, America, At the
Zoo/Baby Driver, Kathy's Song, Hey, Schoolgirl, Wake Up Little Susie (Everly
Brothers), Dream (Everly Brothers), Let It Be Me (Everly Brothers), Bye Bye
Love (Everly Brothers und Simon & Garfunkel), Scarborough Fair, Homeward
Bound, Sound Of Silence, Mrs. Robinson, Slip Slidin' Away, El Condor Pasa, Keep
The Customer Satisfied, The Only Living Boy In New York, American Tune, My Little
Town, Bridge Over Troubled Water - Cecilia, The Boxer - Leaves That Are Green,
The 59th St. Bridge Song (Feelin' Groovy)
Surfempfehlung:
www.simonandgarfunkel.com
www.songfta.com
www.paulsimon.com
www.artgarfunkel.com
Hier der Original-Link: Mehr ...
21. Juli 2004 
Es ist eine Tatsache, daß die wichtigsten Duos der Popgeschichte oft auf eine menschlich heillose und nur durch die Kunst zusammengehaltene Weise zerstritten sind: Lennon/McCartney, Jagger/ Richards, Waters/Gilmour (von "Pink Floyd") - und Simon and Garfunkel, das erfolgreichste Interpretengespann überhaupt.
Der eine, Simon, spielte seine musikalische Überlegenheit nie ganz aus, der andere, Garfunkel, litt trotzdem darunter. Die Trennung kam auf dem Gipfel des Erfolgs, was ihnen die Möglichkeit gab, sie unter dem bekannten Motto zu verkaufen: "Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören." Sie wußten, daß nach "Bridge Over Troubled Water", der seit 1970 an die zehn Millionen Mal verkauften Platte, nichts mehr kommen konnte. Aber es war ein menschliches Zerwürfnis, das die beiden auseinandertrieb und wieder zusammen.
Daß der Auftritt derartig glücken würde
"Old Friends" ist die neuerliche Begegnung von Paul Simon und Art Garfunkel überschrieben, und wenn man sich den ersten von zwei Deutschland-Abenden angesehen hat, die das Duo dieser Tage mit Unterstützung einer gut eingespielten Band bestreitet, dann dürfen die beiden Musiker sich ohne Bitterkeit sagen, daß alte Freunde nicht unbedingt gute oder wahre Freunde sein müssen. Das Zusammenspiel klappte dennoch von Anfang bis Ende in der ausverkauften Köln-Arena. Niemand hätte erwarten dürfen, daß der Auftritt derartig glücken würde: Beweis natürlich für die unsterbliche Magie von Paul Simons Songs, Beweis aber auch für die Triftigkeit eines ergebnisorientierten Sichzusammenraufens.
Art Garfunkel, dem an diesem Abend das Reden überlassen war, las auf deutsch vom Blatt ab: "Wir trafen uns im Alter von elf Jahren; das ist der fünfzigste Jahrestag unserer Freundschaft." Das muß ein statement aus dem vergangenen Jahr gewesen sein, als die Musiker, die in diesem Herbst 63 Jahre alt werden, ihre vielbeachtete und natürlich als Sensation gewertete Tournee in der amerikanischen Heimat bestritten.
Plötzlich standen sie auf der Bühne
Aus dem schon vor Beginn frenetischen Kölner Jubel schälten sich zwei Gestalten wie lautlos heraus. Plötzlich standen sie auf der Bühne, man wußte nicht, wie: Paul Simon mit immer noch traurigem kompaktem Gesicht, mit dem er einem vorkommt wie der späte Chaplin, und Art Garfunkel, der Geometrieprofessor mit den funkelnden und zuweilen wäßrigen Augen, mit seinen Maniriertheiten stark erinnernd an Jack Nicholsons Colonel Jessup aus "Eine Frage der Ehre".
"Old Friends", so ging es los, ein etwas belangloses Lied, bei dem alles noch ein wenig blechern wirkte. Aber dann kam "Hazy Shade Of Winter", die psychedelische Ursünde der beiden, dezent und wie als Verheißung auf das Weitere gerockt. Schon hier merkte man, daß der Gesang nicht mehr ganz so glockenhell-goldgelb sein würde wie - wie lange ist das jetzt her? Dann klimperte Paul Simon die ersten Noten von "I Am A Rock", dam, dam-dam-dam-dam, sacht perlend, jeder im Saal wußte sofort Bescheid, der Song über Schmerz und Fühllosigkeit, über Tapferkeit eben.
Was wäre die Popmusik der Sechziger ohne sie?
"Jetzt kommt ein Song", hob Art Garfunkel abermals auf deutsch an, "über mein aufgewühltes Heimatland." Mein Heimatland? Hat Paul Simon ein anderes? Besser als das gemeinsame, auffallend voneinander abgewandte Singen verdeutlichte dieses eine Possessivpronomen, daß Simon and Garfunkel im Grunde geschiedene Leute sind, die nicht etwa zusammenfinden, weil sie glauben, daß diese inflationären Popwiedervereinigungen eine Lizenz zum Gelddrucken sind (was sie natürlich trotzdem sind). "America" steigerte sich druckvoll in einen Rockabilly, in den Garfunkel nun erstmals seine ganze Sangesintensität legte, fast soulig klang der Kontratenor, kehliger intonierend als früher. Noch ein anrührendes Liebeslied, gefolgt von dem alten, hier sehr knapp gehaltenen Heuler "Hey School Girl" aus der Zeit, als man sich noch "Tom & Jerry" nannte (1957).
Dann wandte sich Paul Simon erstmals selbst ans Publikum: "It's an honor for me to introduce ...", und schon kamen die "Everly Brothers" auf die Bühne gestiefelt, breitbeinig und mit hektischer Zuversicht, man sah es ihnen an, daß sie doch etwas aus der Übung gekommen sind - bis auch sie loslegten: "Wake Up Little Suzie", ebenfalls von 1957 und einer der perfektesten Popsongs überhaupt, trieb diejenigen, die noch nicht davon ergriffen waren, in den Wahnsinn, die schwarzen akustischen Gitarren schnurrten nur so los vor den stämmiger gewordenen, aber guterhaltenen Körpern der beiden Herren der Jahrgänge 1937 und 1939. Phils Tenor war besser geölt als Dons Bariton, der gaumig brummte. "All I Have To Do Is Dream" überbrückte die Zeit, bis man sich mit den Gastgebern zum Quartett zusammenfand: "Bye Bye Love", auch ein perfekter Song, leicht umarrangiert und ohne das alte Timbre, weniger vorteilhaft, man vermißte den Beat auf der ersten Note, aber das machte schon gar nichts mehr. Dann gingen Don und Phil Everly ab.
Old friends - es war ein geschickter und auch menschlich nobler Schachzug von Paul Simon und Art Garfunkel, diese größten Vorbilder für Popharmoniegesang einzuladen. Was wären sie, was wären die "Beatles", Buddy Holly, "Buffalo Springfield" und überhaupt all die anderen großen Musiker der sechziger Jahre ohne die Anregung durch die "Everly Brothers"?
Paul Simon ging halbstark rockend in die Knie
"Scarborough Fair", nun wieder zu zweit dargeboten, leitete den zweiten Teil überzeugend ein, man sah Dustin Hoffman in rotem Alfa Romeo Spider vor sich, Baujahr 1967 wie der Film "Die Reifeprüfung", den nicht nur dieser Song untermalt. "Sounds Of Silence": "Hello darkness my old friend ...", nicht zu vergessen "Mrs. Robinson", ohne die Pionierarbeit der "Everly Brothers" überhaupt nicht denkbar. Paul Simon ging halbstark rockend in die Knie, es war vielleicht der Höhepunkt des Abends.
Was soll man sagen? "El Condor Pasa", "Keep The Customer Satisfied" und, vielleicht der beste Song der beiden, "The Only Living Boy in New York", heimwehkrank und lebensängstlich - all diese Lieder mit dieser schwermütig-sensitiven Lyrik, sogar "Bridge Over Troubled Water", der Übersong, aber keineswegs der beste - allesamt zeitlos gültige, nicht eben rockige, aber ganz und gar zauberhafte Lieder, die nicht nur einer linksliberalen amerikanischen Collegejugend etwas bedeuteten, sondern sich uns für immer eingeprägt haben, ob wir das wollen oder nicht.
Paul Simon, vielleicht wirklich der wichtigste Popkomponist nach Paul McCartney, bekannte schon 1969, es sei sein Wunsch, "einmal die Kraft zu finden, nicht mehr erfolgreich zu sein". So gesehen, waren auch diese wundervollen zwei Stunden mit dem alten Freundfeind ein Fehlschlag.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2004, Nr. 168 / Seite 31