Bei meinem routinemäßigen Besuch auf der Internetseite vom Doc war beim Konzert im Köstritzer Spiegelzelt (Weimar) von einer Premiere des neuen Programms >Staffabruck< die Rede. Der Fall war schnell klar für mich: Her mit einer Karte! Nach neun Konzerten hatte ich zwar schon einige Programme hinter mir, aber etwas aus den Anfangsjahren fehlte noch. Um einen guten Platz zu ergattern, machte ich mich rechtzeitig auf nach Weimar. So war ich unter den ersten, die es sich im Köstritzer Spiegelzelt bequem machen konnten.
Pünktlich um 20:30 Uhr ging es los. Nach einer kurzen Ansprache vom Doc, dass es heute nicht nur um die alten Sachen aus den 70er ginge, sondern es sich um eine Mischung junger und älterer Sachen handele, legte die neu formierte Band (ohne Nick Woodland, aber jetzt mit Azhar N. Kamal, E-Gitarre und Mandoline, Christian Diener. Kontrabass und Bastian Jütte, Schlagzeug) auch schon mit dem Lied vom Ende des Räubers >Kneißel< los. Wie angekündigt, geriet der Abend zu einer Mischung aus den Werken von <Staffabruck> bis >Untersendling>. Musikalisch wie immer makellos, feinste Unterhaltung auf höchstem Niveau. Seine abstrusen Geschichten kamen am Abend natürlich auch nicht zu kurz. So konnte man erfahren, dass Goethe seinerzeit großes Interesse an den bayrischen Frauen hatte, doch wollte er auf keinen Fall bayrisch lernen, oder wie das Oktoberfest als Dünger für die Sahelzone dienen könnte ...
Nach mehreren Zugaben, unter anderem mit den Lied >Nix mitnehma< und einem Solo >Feng Shui Liadl<, bei dem der Doc kurz textlich nicht weiter wusste. Zum Glück saß ich in der ersten Reihe und konnte schnell mal aushelfen ... konnte ich glücklich die Heimreise antreten. Sollte ich dieses Konzert in meine nach oben offene Ringsgwandl-Hitliste einordnen, gäbe es von mir eine glatte 2.
Um nochmal auf die Überschrift zurück zu kommen:
Lieder die das Herz erwärmen > sollte Klar sein -
25° C im Schatten > sonniger Tag.
Aber warum man trotzdem nicht ohne Schal aus dem Haus sollte: Einen Schal hatte ich leider nicht dabei, so musste ich halt meinen Platz in der ersten Reihe selbst „besetzen“. Ein anderer Fan hat mit 3 Schals gleich mal den Rest der ersten Reihe in Beschlag genommen. Gesehen hat man keinen bis kurz vor Konzertbeginn. Aber sind es nicht gerade die Dinge, aus denen die Erzählungen vom Doc „geschnitzt“ sind?
Huths Spiegelzeltblog: Verschmitzt und kaum altersmilde: der leise Spötter Georg Ringsgwandl
Ringsgwandl ist eine bayerische Institution. Deswegen braucht er auch keinen Vornamen mehr. Früher, als alles noch besser, aber auch schon irgendwie schlecht war, ist er als geschminkter Bürgerschreck durch die Säle gezogen, und hat sich nach eigenem Bekunden aufgeführt wie "die Deppen vom MTV", um die Frauen aufzureißen. Er war bissig, unversöhnlich und witzig, und hat sich damit einen großen Fankreis erobert.
Nun also als Vorpremiere sein Programm "Untersendling" am Männertagsabend im Spiegelzelt, und es wird das Beste, was einem an so einem Tag passieren kann. Ringsgwandl ist ruhiger geworden, ebenso verschmitzt wie früher und kein bisschen altersmilde. Er spielt Akustikgitarre und Zither und singt von den kleinen Leuten und Randgruppen, die in dieser kalten Welt bestehen müssen. Anfangs entführt er das achtbar gefüllte Zelt nach Reichenhall, dem "Ort, wo ich aufgewachsen wurde", und erzählt von Kneisels Hinrichtung, einem Randständigen, der "heute vom Sozialbetreuer aufgesucht würde". Und sofort merkt man Ringsgwandls Gespür für Menschen, seine genaue Alltagsanalyse und seinen humorvollen Filter.
Der Barde und Texter ist sowohl genauer Beobachter als auch Zeitzeuge des Zerfalls des "Dahoam" und er wird später davon singen, wie die Einkaufscenter die Metzger und Bäcker vertreiben, und wie hinter Designerwänden das psychische Elend haust. Wenn Ringsgwandl ins Erzählen kommt, dann ist das ein Genuss ihm zuzuhören, denn jede seiner Geschichten entwickelt sich so humorvoll und teilweise absurd, dass die Lachmuskeln der Zuhörer beständig gefordert sind. Wenn er von einer Wurzelsprengung in seiner Jugend erzählt, dann weiss man, warum er nie einen Fernseher gebraucht hat. Und wie schwierig das Parken für ihn in Untersendling, einem Stadtteil Münchens auch sein mag: es springt immerhin noch ein Liebeslied für Vroni, die Politesse raus, und erspart ihm 6000 Euro Gerichtsgeld. Er berichtet von Unglück der Dermatologin, die bei den Haarverpflanzungen nur Oberflächen findet und geißelt die "Wiesngänger" mit seinen Oktoberfest-Impressionen. Er beschwört die alten und wahrhaftigen Werte, ohne in Spießerseligkeit zu verfallen.
Seine neue Band mit Azhar N. Kamal an der E-Gitarre und Mandoline, Kontrabassist Christian Diener sowie Schlagzeuger Bastian Jütte begleitet ihn zuverlässig mit vielen Country und Funkklängen. Das passt gut, denn er singt ja von den kleinen Leuten, und das rückt ihn würdig in die Nähe des altersweisen Johnny Cash. Und auch wenn man sich manchmal musikalisch noch nicht einig ist, wirkt das durchaus sympathisch, und zeigt, wie frisch das Programm noch ist.
Wenn Ringsgwandl sich an seine Zither setzt, dann wird es richtig böse. Der Volksmusikstadl bekommt sarkastisch sein Fett weg, und sein Lied "Feng shui", welches den Zugabenteil beendet, attackiert gekonnt und aberwitzig esoterische Auswüchse.
Viele der Songs sind Wiederbegegnungen mit seinem früheren Schaffen, und er präsentiert das so gekonnt, sympathisch und entspannt, dass der Abend viel zu schnell vergeht. Mit einem begeistert erklatschten Zugabensong bringt er sein Credo auf den Punkt: man kann allen Reichtum anhäufeln, im Angesicht des Todes kannst du "nix mitnehme". Und so liebt ihn das Zeltpublikum trotz seiner "harten Dialektattacken". Nur in Bayern versteht man ihn nicht, sagt er trocken. Und der Schalk blitzt wieder in seinen Augen...
Spruch des Abends
"Anfangs siehst du nur die Brust deiner Mutter, und du denkst: da bleibe ich". Georg Ringsgwandl
Fazit
Weise, witzig, unwiderstehlich: Ringsgwandl ist immer gut gewesen, aber jetzt ist er noch besser.
Matthias Huth
Werbung für das neue Buch von Ringsgwandl auf YouTube - köstlich !!!