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Im folgenden präsentiere ich sehr informative
Interviews bzw. Berichte aus dem "Berliner Kurier". Das erste
ist noch relativ neu und stammt vom 4. August 2003. Die anderen wurden
im Jubiläumsjahr 2000 geschrieben. |
1. Herbert Dreilich - Meine Heimat DDR, aus "Berliner Kurier" vom 4. August 2003 |
Meine Heimat DDR
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04. August 2003
Karat-Sänger Dreilich: "Wir kamen immer gern zurück"
Für den KURIER kramt Herbert in den Erinnerungen - und findet viele witzige
Anekdoten
Schon als Dreijähriger sang Herbert Dreilich mit seiner Mutter
Küchen- und Kinderlieder zweistimmig. Das war noch im österreichischen
Mauterndorf, wo er geboren worden war. Später trällerte er in Schul-
und Kirchen-Chören, sogar im Salzburger Dom und in London, während
er bei der Tante wohnte. Mit 11, also in den Fünfzigern, zog er samt Familie
nach Halle (Saale) um: Sein Vater sah als Ingenieur Karriere-Chancen in der
DDR. "Und ich sollte was Ordentliches lernen", erinnert sich Herbert.
Er wurde Schaufensterdekorateur. "Als ich dann den Fensterpuppen die Kleider
überstreifte, stimmten die Knöpfe mit den Knopflöchern nicht
überein. Das sah jämmerlich aus."
Anno 1960 bekam Herberts Deko-Brigade die Order: Jedes Schaufenster muss mit einem Chruschtschow-Bild, dem damaligen Sowjet-Chef, geschmückt werden. Also stellte Herbert zwischen die Auslagen eines Sanitätshauses mit Gummistrümpfen, Fieberthermometer und Verbandszeug - wie "von oben" gefordert - das Sowjet-Chef-Bildnis. Dreilich: "Doch durch diese Straße des Sanitätshauses rumpelte eine Tram. Und wegen der Erschütterung plumpste eines meiner Preisschilder ab und genau vor das Chrustschow-Bild." Zu lesen stand nun: "Bettpfanne - 2,50 Mark."
"Das gab einen Heidenärger", erzählt Dreilich, zumal seine Brigade für eine Prämie vorgesehen war. Obendrein stellte der Werbe-Chef fest, dass Herbert kein Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft war. "Mein Brigadier riet mir, nur ein Formular dafür zu holen, dann käme hinter meinem Namen ein Haken und alles sei okay - genauso war's!" amüsiert sich Herbert im Nachhinein.
Zum Piepen fand Herbert auch die wöchentliche Zeitungsschau: "Da hockte 'ne ganze Brigade rum, während der Werbechef angestrichene Passagen aus dem ND vorlas. Wir mussten sogar auf Anweisung mit der ganzen Brigade ins Tages-Kino gehen - ,Panzerkreuzer Potemkin? angucken."
1966 landete Herbert als Beat-Klampfer bei den "Bell-Boys" in Leipzig. Weil Who-, Beatles- oder Stones-Titel den DDR-Oberen ein Dorn im Auge waren, fälschten die Musikanten die Awo-Listen. "Darin schrieben wir jeden einzelnen DDR-Titel auf, spielten sie aber als 10-Minuten-Potpourri - so haben wir Zeit geschunden, um danach mit Westtiteln weiter zu machen."
Wenn dann in den Clubs geschniegelte Herren im Nylon-Blouson auftauchten, spielte die Band spontan "Kornblumenblau ..." und das Publikum schunkelte nach allen Regeln der Kunst mit.
Bevor Herbert mit "Karat" ab 1980 ins NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) durfte, mussten sie an der sowjetischen Erdöltrasse in Sibirien auftreten: "Drei Wochen lang spielten wir morgens bei minus 30 Grad vor Publikum, das total erledigt oder betrunken war."
Danach ging's zu Auftritten in den Westen - zunächst mit 'nem Beobachter. "Der verlangte von mir, dass ich über jeden Aufenthalts-Tag Protokoll führe. Ich hab's abgelehnt - und gut war's. Später haben wir herausbekommen, dass der auch wie wir seine Verwandten besucht hat."
Abhauen? "Wir sind von jeder Tournee immer wieder komplett
zurückgekehrt, schließlich sind wir hier zu Hause. Der Westen war
'ne schöne, aber fremde Welt für uns." Mit "Karat"
hatte Dreilich 1986 sogar eine Audienz bei Erich Honecker im Staatsratsgebäude:
"Wir erhielten den National-Preis III. Klasse. Übrigens eine Briefträgerin
bekam damals die höchste Auszeichnung - den Karl-Marx-Orden."
2. Dreilichs langer Weg zu "sieben Brücken" aus "Berliner Kurier" vom 14. August 2003 |
Datum: 14.08.2000
Ressort: Serie
Autor: *Leese, Sylvia*
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Dreilichs langer Weg zu "sieben Brücken"
25 Karat
Fünf Top-Musiker, ein Name: Karat - eine Rockgruppe, die DDR- und gesamtdeutsche Musikgeschichte schrieb. Mit Songs wie "Der blaue Planet" oder "Schwanenkönig" spielte sie sich in die erste Reihe deutschsprachiger Bands, "Über sieben Brücken" machte sie unsterblich. Sänger Herbert Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Schlagzeuger Michael Schwandt, Bassgitarrist Christian Liebig und Gitarrist Bernd Römer feiern am 9. September ihren 25. Band-Geburtstag in der Parkbühne Wuhlheide (Ticket-Hotline: S 29 79 79 79). Der KURIER gratuliert zur musikalischen "Silberhochzeit", stellt die "Karat"-Jubilare vor. Heute: Herbert Dreilich (57)."Mir ist, als hätten wir Karat erst gestern gegründet", sagt Frontmann Herbert Dreilich, als wir ihn in seinem Mahlsdorfer Haus besuchen. Gemütlich hat er's hier mit seiner Susanne, mit der er seit 1986 bestens harmoniert - vor sieben Jahren machte er sie zur dritten Frau Dreilich.
Im Garten grünt's von Apfel- bis Zitronenbaum üppig, dazwischen plätschert ein Swimming-pool, Mix-Schäferhündin "Tine" tobt über den Rasen. "Alles Susannes Werk", deutet Dreilich stolz auf den Dschungelwuchs und bittet uns ins Arbeitszimmer. An den Wänden hängen "Karat"-Bilder, Gitarren. Kabel am Boden, Boxen türmen sich auf. "Eigentlich bin ich Gitarrist, zum Singen erst später bei Karat gekommen", erklärt Herbert.
Doch als Dreijähriger hätte er schon Küchen- und Kinderlieder mit seiner Mutter zweistimmig gesungen. Das war im österreichischen Mauterndorf, wo er auch geboren wurde. Später trällerte er in Schul-und Kirchen-Chören, sogar im Salzburger Dom und in London, während er bei der Tante wohnte.
Als Elfjähriger musste er samt Familie nach Halle (Saale) umziehen. Sein Vater sah Karriere-Chancen in der DDR, und Herbert sollte "was Ordentliches" lernen. "Ingenieur oder so", erinnert sich Dreilich. Trotzdem kaufte er heimlich 'ne Wander-Klampfe für 30 Mark vom Taschengeld. "Nach Gehör gestimmt, erste Griffe geübt -klappte prima", lacht Herbert, der damals Noten und Harmonien auf dem Dachboden ochste.
Bei den "Jazz-Youngsters" bekam Herbert 1962 seinen ersten Auftritt - als Banjo-Spieler. "Wir haben Dixieland gemacht, alles in B-Tonarten, die sind einfach", grinst Herbert. Als Beatles, Stones, The Who die Musik-Szene umkrempelten, landete Herbert 1966 als Beat-"Klampfer" bei den "Bell-Boys" in Leipzig. Diese West-Musik war den DDR-Bonzen ein Dorn im Auge. Verbot! Dreilich und andere Musiker verloren die Spielerlaubnis.
"Wer noch 'ne Genehmigung besaß, verlieh sie - so wurde ein 17-jähriger Gitarrist für einen Auftritt zum 29-jährigen Drummer", erzählt Herbert, der inzwischen als Dekorateur ausgebildet war. Die "Hobbys", eine Beat-Gruppe aus Borna, boten Herbert 'ne Gitarristen-Stelle mit Behelfsausweis an.
"Deshalb ging ich zur Kulturabteilung beim Rat der Stadt Halle, um mir einen ordentlichen Spielausweis zu beschaffen", erzählt Herbert. "Aber denkste, da saß 'ne knallharte Frau, lehnte alles ab - sie hat viele Karrieren zerstört", fügt Dreilich hinzu. So spielte er schwarz, bekam dann bei den Berliner HO-Gaststätten eine Dekorateurstelle. Dort traf er die "Musik-Stromers", stieg als Gitarrist ein. Mit 14-Tage-Engagement in der HO-Nachtbar "Palette" - Geld im Voraus.
Sofort klingelte Herberts Telefon: Jene Hallenser Kultur-Dame meldete sich. Auch sie war zu den HO-Gaststätten gewechselt und wusste, dass Dreilich ohne Musikerausweis spielte. "Sie wollte mir einen Strick drehen - aber denkste! Ich hatte gerade meinen Job gekündigt, ging zur Musikschule Friedrichshain."
Endlich hatte er seinen Berufsausweis, stieg 1968 groß ein - bei den "Puhdys" (damals noch ohne "Maschine" Dieter Birr). "Es ging los mit 'ner Tournee durch Tschechien, gefolgt von fünf Wochen Sowjetunion - die dachten echt, wir kämen aus Westberlin", amüsiert sich Dreilich. Dann wechselte er zu den "Alexanders", lernte Ulrich "Ed" Swillms kennen, gründete mit ihm 1970 "Panta Rhei", holte Veronika Fischer als Sängerin.
Als "Vroni" vier Jahre später die Band verließ, löste sich die Gruppe auf. Dreilich und Swillms hoben 1975 mit Henning Protzmann (Bass, Sänger) ein neues Projekt mit eigenen Titeln aus der Taufe - KARAT. Sie gewannen mit "König der Welt" auf Anhieb das Schlagerfestival in Dresden (DDR-Grand-Prix), nochmals '78 mit "Über sieben Brücken". Das gefiel auch Peter Maffay, er sang's nach.
"Daraus wurde 'ne echte Freundschaft, er lud uns oft zu sich nach Tutzingen ein", erzählt Dreilich. Gemeinsam wollten sie damals etwas Deutsch-Deutsches produzieren - die DDR verbot's. "Gigantisch - 1981/82 füllten wir zweimal die Waldbühne, bekamen zwei Goldene Schallplatten", schwärmt Dreilich.
Nur ungern erinnert er sich an "Rock im Zirkus" in Potsdam. Angereist war damals die komplette DDR-Musik-Szene (u.a. "Kreis", "Puhdys") für TV-Aufnahmen. Dreilich: "Vollplayback war angesagt! Nachdem wir unseren ersten Titel gemimt hatten, sollte Lied-Nummer 2 folgen. Was passierte? Die Ü-Wagen-Crew spielte wieder den ersten Song ab. Auch beim dritten Titel erklang prompt das erste Lied."
Das Publikum bog sich vor Lachen. Glücklicherweise stand auf der Bühne ein altes Klavier: Der damalige "Karat"-Keyboarder Thomas Natschinski griff in die Tasten, Dreilich sang "Über sieben Brücken" live - und das Publikum stimmte mit ein.
Jetzt konzentriert sich Herbert auf die nächste Karat-CD, die Anfang 2001 erscheint, und das Jubiläumskonzert in der Wuhlheide. "In den nächsten Tagen kommt mein Sohn Claudius zu Besuch", freut sich Herbert auf den 30-jährigen Filius aus zweiter Ehe. Claudius arbeitet bei Ikea in Moskau, er wird beim Jubiläums-Konzert mitmachen - genauso wie der Nachwuchs seiner Karat-Kollegen.
"Ganz egal" heißt zwar sein Karat-Lieblingstitel
- doch ihm ist nichts mehr Schnuppe. Seit seinem Schlaganfall vor fünf
Jahren ernährt sich der 57-Jährige vegetarisch, verzichtet auf Nikotin
und Alkohol. Herberts Wunsch: "Gesund bleiben bis zum Tod - bis dahin Musik
machen mit Karat!"
3. Martin Beckers Weg vom Viehzeug zur Karat-Gitarre, aus "Berliner Kurier" vom 15. August 2003 |
Datum: 15.08.2000 ![]()
Ressort: Serie
Autor: *Leese, Sylvia*
Martin Beckers Weg vom Viehzeug
zur Karat-Gitarre
25 Karat
Fünf Top-Musiker, ein Name: Karat - eine Rockgruppe, die DDR- und gesamtdeutsche Musikgeschichte schrieb. Mit Songs wie "Der blaue Planet" oder "Schwanenkönig" spielte sie sich in die erste Reihe deutschsprachiger Bands, "Über sieben Brücken" machte sie unsterblich. Sänger Herbert Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Schlagzeuger Michael Schwandt, Bassgitarrist Christian Liebig und Gitarrist Bernd Römer feiern am 9. September ihren 25. Band-Geburtstag in der Parkbühne Wuhlheide (Ticket-Hotline: S 29 79 79 79). Der KURIER gratuliert zur musikalischen "Silberhochzeit", stellt die "Karat"-Jubilare vor. Heute: Herbert Dreilich (57)."Als Job kamen für mich nur zwei Dinge in Frage: Tiere oder Musik", erinnert sich Martin Becker an seine Kindheit in Stendal. Kein Wunder, der Junge aus Sachsen/Anhalt wuchs mit Viehzeug auf, stammte aus 'ner musikalischen Familie. "Vater spielte hervorragend Geige, meine beiden älteren Brüder hatten'ne eigene Band in Magdeburg", erzählt Martin, während er uns Grünen Tee kocht.
Natürlich sorgte Papa Becker auch für die musikalische Ausbildung seines Jüngsten: Martin sang im Kinderchor, bekam Klavier-Unterricht beim Kirchenmusikdirektor, lernte Gitarre spielen. "Die ersten Jahre habe ich wie verrückt geübt, was später gewaltig nachließ - da wollte ich nur noch Musik hören und tanzen gehen", grinst Martin.
So wurde er eben Zootechniker, arbeitete auf 'nem Magdeburger Gestüt. "Stall geht immer", war seine Devise. Deshalb bewarb er sich an der Agrarhochschule von Wernigerode zum Studium: "Ich wollte Bauer werden, doch da lernte ich Klaus Wehrmann von der Gruppe ,Tutti Paletti' kennen."
Der Musiker animierte Becker, lieber sein Können an der Magdeburger Bezirksmusikschule aufzufrischen. Klar, Martin machte 1984 seinen Berufsmusiker-Ausweis, stieg als Keyboarder bei "Tutti Paletti" in Potsdam ein, verdiente bis '88 seine Paletti-Brötchen mit Samba- und Salsa-Rhythmen. Armee- und Reservezeit sprengte die lustige Musikanten-Truppe.
"Ich wechselte zur Begleit-Band von Sängerin Ines Paulke, der 'ne große Karriere prophezeit wurde", erzählt Martin beim Tisch-Decken im selbst gebauten Garten-Pavillon. "Mit Ines ging's auf China-Tournee, drei Wochen lang zwischen Shanghai und Peking - einmalig!" Band-Ende: Nach der Wende. Becker landete 1990 bei Schlagerstar Frank Schöbel in der Begleit-Band.
"Ein Jahr später erkrankte Frank schwer, litt an einem Nierentumor - alles stand auf der Kippe", erinnert sich Martin. Damals hatte er sich entschieden, sein altersschwaches Wilhelmsruher Häuschen (Pankow) nicht abzureißen, sondern aus-, um-, aufzubauen. Dabei sägte er sich in die Hand, verlor um ein Haar den linken Daumen. "Für 'nen Keyboarder das sichere Job-Aus", versichert der Musiker.
Seine Karola, mit der er inzwischen 12 Jahre verheiratet ist, Sohn Benjamin (12) und Töchterchen Deborah (9) richteten ihn wieder auf. Und das Haus erwies sich als Einnahme-Quelle: Die Beckers vermieteten Proberäume für Bands. Eines Tages schneite Vollblut-Musikant Hansi Bibel herein. "Nach seiner Musik habe ich früher getanzt, seine Platten gesammelt", schwärmt Martin.
Bibel motivierte Becker, empfahl ihm, bei "Karat" anzuklopfen: "Die suchen gerade einen Keyboarder!" Dreilich ' Co. schlugen zu, im Mai 1992 war's soweit, Beckers erster Karat-Auftritt: Rheinwiesen, in Bonn. "Es ging alles so schnell, ich hatte nicht mal passende Instrumente, musste sie erst kaufen", erzählt Martin und gießt uns Tee nach. "Teure Anschaffung!" Wegen seiner finanziellen Klemme, streckte "Karat" das Geld vor.
"Tolle Truppe", schwärmt Becker von seinen hochkarätigen Kollegen. Wenn's auf Tour geht, sitzt er meist mit Drummer Michael Schwandt im Auto. Dann drehen sie das Radio auf, beide mögen kraftvollen Hard-Rock, je nach Laune auch mal Klassik. Mit Bassgitarrist Christian Liebig hat er 'n gemeinsames Hobby: Weine sammeln. "Wir stöbern überall nach edlen Tropfen", erzählt Becker, der im Hauskeller etliche Raritäten gebunkert hat.
"Beispielsweise für meine Kinder", gibt Becker zu. "Wenn sie ihren 18. Geburtstag feiern, können sie die Flaschen aus ihrem Geburtsjahr öffnen." Doch Becker befasst sich auch mit Wein-Geschichte, - Herstellung, -Lagerung. Zum Beweis lockt er uns vom Weinkeller ins Arbeitszimmer: Per Computer stecken wir mit ihm mitten im Weinanbau.
Wie bei "Karat"-Kollegen Herbert Dreilich hängen auch bei ihm Dutzende Band-Bilder an den Wänden, Kabel schlängeln sich über den Boden. Monitore, Boxen, Tastaturen stapeln sich zu Türmen. Neben Klavier und Keyboard spielt Martin noch Akkordeon, Mundharmonika, und er komponiert die "Karat"-Songs. Ein schwarzer Flügel nimmt den halben Arbeits-Raum ein. Becker greift in die Tasten, seine Karola erscheint: "Ich liebe es, wenn er Klavier spielt!"
Bach, Chopin und Mozart, als Zugabe "Karat". Dabei fällt Becker die Waldbühne ein: "Proppevolles Live-Konzert, Fernseh-Kameras waren auf meine Finger gerichtet. Ich griff ins Keyboard -Totenstille!" Das Instrument machte keinen Mucks. Auch nach weiteren Versuchen, nichts! Martin: "Meinen Kollegen und mir lief der Schweiß runter, angestrengt starrte ich Richtung Techniker."
Doch für sie war das Ding gelaufen, sie rauchten abseits der Bühne. "Stoßgebet zum Himmel! Noch mal rübergucken. Da bemerkten sie, dass irgend was nicht stimmt", erinnert sich der langmähnige Musiker. Flugs krabbelte ein Techniker unters Keyboard, stöpselte sämtliche Kabelverbindungen durch.
Das Publikum war irritiert, die Kameraleute nervös - kurzerhand
legten die Karat-Profis ohne Keyboard los. Plötzlich begann Beckers obere
Tasten-Ebene zu fiepen. "Grausam!" stöhnt Becker, der mit seinem
Techniker um die Wette schwitzte. Als der erste Titel verklungen war, dröhnte
sein Keyboard los. "Egal", strahlt Martin, "Hauptsache, ich war
wieder zu hören."
4. Christian Liebig zupfte erst an Elektro-Kabeln, aus "Berliner Kurier" vom 15. August 2003 |
Datum: 16.08.2000
Ressort: Politik
Autor: *Leese, Sylvia*
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Christian Liebig zupfte erst an Elektro-Kabeln
25 Karat
Fünf Top-Musiker, ein Name: Karat - eine Rockgruppe, die DDR- und gesamtdeutsche Musikgeschichte schrieb. Mit Songs wie "Der blaue Planet" oder "Schwanenkönig" spielte sie sich in die erste Reihe deutschsprachiger Bands, "Über sieben Brücken" machte sie unsterblich. Sänger Herbert Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Schlagzeuger Michael Schwandt, Bassgitarrist Christian Liebig und Gitarrist Bernd Römer feiern am 9. September ihren 25. Band-Geburtstag in der Parkbühne Wuhlheide (Ticket-Hotline 29 79 79 79). Der KURIER gratuliert zur musikalischen "Silberhochzeit", stellt die Karat-Jubilare vor. Heute: Christian Liebig (45)."Bin gleich fertig", empfängt uns Bassgitarrist Christian Liebig fröhlich an seiner Pankower Wohnungstür. Er frottiert sich die langen blonden Haare trocken: "Ich komme gerade aus dem Freibad, da springe ich meist als erster Besucher immer morgens schon um 7 Uhr rein."
Er lotst uns ins Wohnzimmer, ein Höllenkrach bricht los. "Tut mir leid", entschuldigt sich Christian, "aber hier wird momentan alles saniert, das alte Mietshaus hat's auch dringend nötig." Trotz Baulärms und Staubwolken ist es zwischen alten Stuckdecken und Parkett-Fußboden gemütlich. Antike Kommoden, Schränke, Sofas - heimelige Atmosphäre.
Christian hat Tee gebrüht, stemmt 'ne Kiste mit Fotos auf den Eichentisch. Wir kramen in Erinnerungen. "In meiner Familie hatte niemand etwas mit Musik am Hut, deshalb war ich wohl auch ein ,Spät-Musikeinsteiger'", erklärt der Berliner. Jedoch war er Mitglied in seiner Biesdorfer Schulband - als Techniker. "Dabei habe ich wohl Blut geleckt, probierte als 16-Jähriger erstmals 'ne Bassgitarre aus", fügt Christian hinzu.
Ständig sei das Instrument falsch gestimmt gewesen, weil's ja kein Lehrmaterial darüber zu kaufen gab. "Irgendwann ergatterte ich 'n Harmonie-Lehrbuch für 10 Mark und ,Die kleine Tanzmusikschule', um mir wenigstens ein bisschen Musiktheorie raufzudrücken", erinnert sich der Karat-Bassist.
Zum Band-Gründen reichte es aber allemal: Mit "Cosy" spielte er Stones-, Black Sabbat-, Uriah Heep-Titel in der Schul-Turnhalle, später in Jugendclubs. Trotzdem wurde er erst mal Elektro-Monteur. "War's das jetzt?" hätte er sich damals oft gefragt. Musik spielte für ihn erst während der Armeezeit wieder 'ne Rolle: "Zwar war ich als Funker in Burg stationiert, konnte aber als Bassist in der Truppen-Band mitklampfen."
Danach wollte er's wissen, bewarb sich 1975 an der Friedrichshainer Musikschule. Schock: abgelehnt! Christian: "Der Lehrer ermunterte mich, ich solle ja dran bleiben, mich ein Jahr später erneut bewerben." Solange verdiente Liebig seine Brötchen als Betriebs-Elektriker im Autoreparatur-Werk von Friedrichsfelde.
Der Lehrer hatte Recht, Christian Glück: Aufnahmeprüfung 1976 bestanden! "Fürs Studium musste ich aber meine Bassgitarre gegen einen Kontrabass tauschen." Auf der riesigen "Großmutter" der Gitarre schaffte er zwei Jahre später sein Examen, hatte den lang ersehnten Profi-Schein in der Tasche. Die "Modern Soul"-Band war sein erster Arbeitgeber.
Ab 1980 schmiss sich Liebig mit Vollblut-Musiker Hansi Biebl zusammen. Als sie noch einen passenden Trommler fanden, kam ihre erste Platte auf den Markt. "Plötzlich gab's die Erlaubnis, wir durften 1982 für zwei Tage nach West-Berlin, um im ,Quasimodo' aufzutreten", erzählt Christian. "Wir waren total aus dem Häuschen!" Einzige DDR-Schikane: Über Nacht geht's zurück in den Osten!
"Denkste!" waren sich die Musikanten einig, guckten sich nach ihrem bombigen Auftritt lieber den Westteil bei Nacht an. Christian: "Hansi wollte im Westen bleiben, nicht mehr mit zurück. Wir haben hin und her überlegt - Ärger gibt's ohnehin bei der Grenzkontrolle, weil wir nachts weg geblieben waren..."
Mit Rücksicht auf die Familien und Freunde einigten sich die Biebl-Männer schweren Herzens auf Ost-Rückkehr. Dickes Ende: Sie wurden tagelang von Stasis verhört, knallhart in die Mangel genommen. "Ich hatte mir Kopfhörer gekauft, für meine Mutter 'ne kleine Armbanduhr - das wurde mir ebenso weggenommen wie die verdienten 100 West-Mark und 'n kleiner Technik-Katalog", erinnert sich Liebig.
Danach war Schluss mit lustig! Biebl warf's Handtuch, reiste ein Jahr später aus. Christian wurschtelte sich mit aufmüpfigen Liedern über die Runden, ging dann wieder zu "Modern Soul", anschließend zu "Engerling". Zu dieser Zeit suchte "Karat" dringend einen Bassisten, rief 1986 an, Liebig griff zu.
"Sofort ging's in die Vollen mit der Platte ,Die fünfte Jahreszeit', 'nem Fünf-Wochen-Trip durch Kuba, gefolgt von 'ner Sender-Tournee durch West-Deutschland - obendrauf gab's die ,Goldene Europa'", sprudelt's aus dem Musiker, während er uns seine Gitarren-Sammlung im Nebenzimmer vorführt.
"Nach fetten Jahren, kommen oft magere", meint der Blondschopf. Dabei spielt er aufs Meißner Open-Air-Konzert kurz nach der Wende an: "Sämtliche Bands standen rum, ganze 30 Leute waren gekommen, um Ost-Rock zu hören - da möchte man alles hinschmeißen." Glücklicherweise tat's keiner der Karat-Männer.
Sie sind allerdings in Sorge wegen Christians Hobbys: "Weil ich jeden Dienstag beim Pankower Sportclub Fußball spiele, zu Auftritten oder Proben mit dem Mountain-Bike angeradelt komme." Toll, Christian! "Irrtum", entgegnet er, "die Verletzungsgefahr ist hoch, das könnte Engagements kosten."
"Kondition ist aber in unserem Job wichtig", meint Liebig,
springt deshalb auch morgen früh wieder ins Freibad. Außerdem freut
er sich diebisch aufs Jubiläums-Konzert, weil er erstmals mit beiden Söhnen
auf der Parkbühne stehen wird - mit Julius (14), gemeinsamer Sproß
mit Freundin Cornelia, und Daniel (20, aus erster Ehe).
5. Micha: Er gibt leise den Takt an, bescheiden und leise ..., aus "Berliner Kurier" vom 15. August 2003 |
Datum: 17.08.2000
Ressort: Serie
Autor: *Leese, Sylvia*
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Er gibt den Takt an, bescheiden und leise
25 Karat
Fünf Top-Musiker, ein Name: Karat - eine Rockgruppe, die DDR- und gesamtdeutsche Musikgeschichte schrieb. Mit Songs wie "Der blaue Planet" oder "Schwanenkönig" spielte sie sich in die erste Reihe deutschsprachiger Bands, "Über sieben Brücken" machte sie unsterblich. Sänger Herbert Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Schlagzeuger Michael Schwandt, Bassgitarrist Christian Liebig und Gitarrist Bernd Römer feiern am 9. September ihren 25. Band-Geburtstag in der Parkbühne Wuhlheide (Ticket-Hotline 29 79 79 79). Der KURIER gratuliert zur musikalischen "Silberhochzeit", stellt die Karat-Jubilare vor. Heute: Michael Schwandt (52).Als wir am Haus von Michael Schwandt in Bergfelde (bei Berlin) vorfahren, werden wir schon erwartet. Überschwänglich und lautstark nimmt uns "Eddy" in Empfang - Michas Zwergpinscher. "Er ist hier der Chef", lacht der Karat-Drummer und platziert uns auf die Terrasse. Der Tisch ist bereits hübsch gedeckt, Kaffee und Kuchen stehen parat.
Wild-romantisch grünt's um uns herum: Korkenzieher-Weiden, Lerchen, Gingkobaum, Birken, Koniferen. Der Steingarten ist üppig umrankt, steht in voller Blüte, im Teich daneben blühen Seerosen. Obwohl "Eddy" übern Rasen wuselt, seine Nase überall reinschiebt, ist das Ingrids Reich - Michas Frau seit 27 Jahren.
"Sie hat einen absoluten Nerv für Pflanzen und Mode, greift auch unserer Managerin Adele Walter unter die Arme", sagt Schwandt stolz. Seine Ingrid brachte er sich 1972 als "Souvenir" von der Ostsee mit. Sie tanzte dort einen Sommer lang nach seiner Musik.
"Dass ich mal Musik machen werde, war eigentlich so sicher wie das Amen in der Kirche", gesteht Michael, der wohl das Talent vom Vater erbte. "Ein Erz-Musikant, er beherrschte jedes Instrument, zog so als eigener Chef um die Welt, später war Rambazamba bei uns daheim in Merseburg angesagt", schwärmt der Junior.
Sein älterer Bruder Peter hatte bereits Big Bands in den 50er und 60er Jahren, später ein eigenes Tanzorchester an der Ostsee. "Da wollte ich auch hin", gibt Schwandt zu, der als Knirps mit Akkordeon-Spielen begann. Und weil der Dachboden voller Instrumente stand, probierte er alle aus. "Zuletzt war's Schlagzeug dran, das baute mir mein Vater im Garten auf", erinnert sich der langhaarige Karat-Mann.
Trotzdem wurde er Elektro-Mechaniker im Buna-Werk, kam zur Armee - mit Musik nebenbei. Ausgerechnet am Tag, an dem er seine Aufnahmeprüfung zur Ingenieur-Schule in Eisleben bestand, traf er einen Freund im Schwimmbad, der in Weimar Musik studierte. "Das war's! Doch ich war mittlerweile 23 Jahre alt und kannte keine einzige Note", lacht Schwandt.
Sein Kumpel fand's easy, paukte mit ihm Musik-Theorie und Noten. Michael: "Da saß ich nun in Weimar zwischen Kindern und Könnern, mir schlotterten die Knie vor dem Eignungstest." Angenommen! Kein Wunder, er war der einzige Bewerber für Schlagzeug.
Während der Semester-Ferien ging's mit dem "Stereo-Team" zur Ostsee. Als Band hatten sie keine Chance, wurden aber als Küchenhilfen im Reriker Stadt-Café eingestellt. "Tagsüber haben wir Teller gespült, nachts Musik gemacht", erzählt Micha. Durch Weimar tingelte er mit der Studentenband "Blues Vital", danach mit "Nautic", "Bayon".
Nach dem Studium ging er zur Horst-Krüger-Band, lernte dort Leadgitarrist Bernd Römer kennen, der kurz darauf bei "Karat" einstieg. "Als ich mit der Krüger-Truppe in der Hallenser Kongresshalle spielte, hieß es, Karat guckt zu", erinnert sich der Drummer. Tatsächlich erschien Ex-Kollege Römer nach dem Konzert bei Schwandt, sagte: "Du, die wollen dich haben!"
Klar, schmeichelte Michael das Angebot der Star-Band, zweifelte aber an seinem Drumms-Können: "Als Gitarrist kannst du fast jeden Fehler kaschieren, beim Schlagzeuger merkt's jeder, wenn er daneben haut." Dreilich ' Co. zerstreuten seine Bedenken, Micha machte mit. Noch immer schwärmt er von den Touren durch Kuba, Bulgarien, Rumänen. Wahnsinn: Hockenheim, 130 000 Zuschauer!
Nur ans Konzert in Calbe, Mitte der 80er Jahre, erinnert sich Schwandt mit Grausen: "Wir wollten uns vor Ort treffen, also fuhr ich in meinem ,Wartburg' rechtzeitig los. Als ich dort ankomme - Totenstille."
Er fragte sich durch den Ort, niemand wusste etwas vom Karat-Auftritt. Telefone? Fehlanzeige! Endlich fand er an einem Werktor einen Pförtner, klingelte die Frau eines Karat-Kollegen an. "Wo steckst du? In Calbe an der Saale? He, du musst nach Calbe an der Milde!" Das lag über 120 Kilometer entfernt, Konzert-Beginn in 15 Minuten...
"Inzwischen tendierte meine Benzinuhr gegen Null, weit und breit keine Tankstelle. Plötzlich macht's auch noch pfffff - ich hatte einen Platten!" grinst Schwandt heute. Verschwitzt, wütend und dreckig trudelte er nach 22 Uhr in Calbe/Milde ein. Von überall kamen ihm enttäuschte Fans entgegen: "Sch..., das Karat-Konzert fällt aus!"
Entnervte Blicke auch von den Band-Kollegen: "Wir haben gerade alles abgeblasen." Das änderten sie flugs wieder - Karat spielte. "Seither hängt ein Wandteller von Calbe an der Milde in meinem Proben-Keller - ein Fan-Geschenk, damit ich nie mehr vergesse, wo die Stadt liegt", lacht Schwandt.
Das lockt uns in seinen Keller. "Hier trommel' ich nicht nur", sagt er, "hier repariere, warte und pflege ich auch seit Jahren unsere gesamte Anlage." Karat gehört zu wenigen Musikgruppen, die noch mit eigener Anlage auftreten. "Wir wollen uns nicht auf gemietete Technik verlassen, meist wird da an falschen Stellen gespart", erklärt Michael.
Seine Hobbys sind Musik, Musik - und nochmals Musik. "Als
Ausgleich gucke ich anderen Musikanten bei der Arbeit zu - meist Hardrock in
Berliner Clubs", sagt er. "Herrlich, welch tolle Techniken die jungen
Trommler von heute drauf haben!"
6. Bernd Römer: Wie Herbert Dreilich den "Rocker" holte, aus "Berliner Kurier" vom 15. August 2003 |
Datum: 18.08.2000
Ressort: Politik
Autor: *Leese, Sylvia*
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Wie Herbert Dreilich den "Rocker" holte
25 Karat
Fünf Top-Musiker, ein Name: Karat - eine Rockgruppe, die DDR- und gesamtdeutsche Musikgeschichte schrieb. Mit Songs wie "Der blaue Planet" oder "Schwanenkönig" spielte sie sich in die erste Reihe deutschsprachiger Bands, "Über sieben Brücken" machte sie unsterblich. Sänger Herbert Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Schlagzeuger Michael Schwandt, Bassgitarrist Christian Liebig und Gitarrist Bernd Römer feiern am 9. September ihren 25. Band-Geburtstag in der Parkbühne Wuhlheide (Ticket-Hotline 29 79 79 79). Der KURIER gratuliert zur musikalischen "Silberhochzeit", stellt die Karat-Jubilare vor
Heute: Bernd Römer (47).Die Straße endet, kleine Sandwege führen ins Nichts - wir haben uns verfahren. "Wo, bitte, wohnt Bernd Römer, der Karat-Musiker?" fragen wir Anwohner von Neuenhagen (bei Berlin). "Ach ja, die wohnen alle da hinten!" kommt's prompt. Die Richtung stimmt! Bernd Römer lehnt schon am Zaun, wartet auf uns.
"Welche Musiker wohnen denn noch hier?" wollen wir sofort vom Karat-Gitarristen wissen. "Mein Nachbar ist 'Maschine' Dieter Birr von den 'Puhdys'! Rein zufällig haben wir hier die Grundstücke gemeinsam entdeckt, deshalb unsere Häuser nebeneinander gebaut", antwortet Römer lachend. Daraus hätte sich 'ne prima Nachbarschaft entwickelt: Na logo, niemand regt sich über laute Musik auf.
Wir nehmen in weichen Lederpolstern Platz, Römer serviert Kaffee. In hellen Holzregalen stapeln sich Bücher, CD's, Schallplatten. Die Terrassentüren sind weit geöffnet, im Garten grünt's und blüht's. Die Sonne spiegelt sich im Swimmingpool. Schäferhund "Jeff" (10) stürzt herein, wirft sich Herrchen zu Füßen. "Wir haben auch noch zwei Katzen und 'n Kaninchen", verrät der gebürtige Erfurter.
"Mein Vater konnte Klavier spielen. Mit meinem Bruder Manfred habe ich auch geklimpert - aber nur für 'n Hausgebrauch", erinnert sich Bernd, der unbedingt Fußballer werden wollte. Er war Feuer und Flamme fürs runde Leder, kickte schon als Knirps beim SC Turbine Erfurt.
Wow - dann kamen die Beatles auf! Bernd ließ den Fußball links liegen, kaufte sich von den Geldgeschenken zum 14. Geburtstag 'ne Gitarre - für 72 Mark. Den "Blaulicht"-Titel hatte er sofort intus. "Der war so schön einfach, mit Hollies-, Dave Dee-, Stones-Songs probierte ich weiter", erzählt Römer. Als er seine Funkmechaniker-Lehre begann, gründete er mit drei Jungs 'ne Band: "The Pythons".
"Unsere Anlage bastelten wir Stück für Stück selbst zusammen, schafften es bis zu Auftritten im Erfurter Klubhaus", amüsiert sich der langhaarige Blonde, der dann bei den populären "Nautiks" einstieg. Sie warteten sogar Bernds Armeezeit ab, um mit ihm wieder aufzutreten.
Doch Gaby Merz, die in der Berliner Horst-Krüger-Band sang, klingelte bei Römer: "Du, Krüger will dich haben!" Ein verlockendes Angebot! Konnte er den "Nautiks" so vor den Kopf stoßen? Sie verstanden Bernd, ließen ihn ziehen - haben selbst aber nie wieder Musik gemacht.
Zweieinhalb Jahre spielte Römer bei Krüger. Beim Auftritt im damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) kursierte das Gerücht, "Karat" suche einen neuen Gitarristen. "Komm' doch zu uns", bat Karat-Sänger Herbert Dreilich noch am selben Abend - und Römer tat's im Juli 1976.
Bernd erinnert sich ans 10-jährige Karat-Jubiläum: "Wir waren auf Tour, die Konzerte riesig, aber es goss wie aus Kannen." Von Berlin führte die Tournee nach Hockenheim, von dort sollte es nach Lüneburg gehen. Aber bei Hannover steckten die Musiker im Riesen-Stau.
Um rechtzeitig zum Auftritt zu kommen, versuchten sie's über Landstraßen. "Nur Schneckentempo war angesagt! Und die Zeit lief uns davon - an Handys war ja noch nicht zu denken", erzählt Römer. Als die Karat-Männer das Konzert-Gelände erreichten, hätten sie längst auf der Bühne stehen müssen.
Zu allem Überfluss musste die Gruppe das Gelände Dutzende Male umkreisen, weil niemand sagen konnte, wo genau der Bühnen-Eingang lag. Römer: "Schlimm, 80 000 Zuschauer warteten drinnen, und wir kämpften draußen um Einlass." Die Lüneburger bekamen "Karat" nicht zu Gesicht, das Programm war umgestellt worden.
Seit einem Jahr begnügt sich Bernd Römer nicht mehr nur mit der Karat-Gitarre. Zum Ausgleich fürs Gruppen-Spiel schmeißt er sich hin und wieder mit Sängerin Kirsten Kriester aus Thüringen zusammen, komponiert auch für sie. "Das ist aber keine Karat-Musik - viel rockiger! Ich probiere andere Seiten an mir aus", verrät Römer.
Das helfe, neue Eindrücke und Ideen zu sammeln - jeder Karat-Musikant hätte inszwischen so 'ne Lücke für sich entdeckt. "Und wenn man so oft auf Touren ist wie wir, freut man sich ganz besonders auf Zuhause", gibt Bernd zu.
Kein Wunder, er wird immer gleich von zwei schönen Frauen sehnsüchtig erwartet: Von Ehefrau Christiane, mit der er seit 21 Jahren glücklich ist, und Tochter Julia (18). Sie ist der ganze Stolz von Papa Bernd, erbte sein musikalisches Talent.
"Wofür ich monatelang ochsen musste, schafft sie an einem Tag", staunt er über seinen Nachwuchs. Als kleine Göre hatte es Julia das Keyboard angetan, später griff sie zur Gitarre. Inzwischen genießt sie Einzelunterricht bei Giesbert Piotkowski. "Vielleicht werde ich ja Konzert-Gitarristin", überlegt Julia.
An Instrumenten dürfte es der schönen Römer-Tochter keinesfalls mangeln. Im Arbeitszimmer ihres Vaters hängen Dutzende Gitarren - jede mit 'ner eignen Geschichte, liebevoll vom Papa restauriert. Einer Gitarre trauerte er 1980 furchtbar nach - sie wurde ihm beim Konzert-Abbau in Wiesbaden geklaut.
Römer hatte den Verlust verdaut, als er ein halbes Jahr später mit seinen Karat-Kollegen für einen Mitschnitt beim WDR weilte. Das Telefon klingelte dort gegen 2.30 Uhr früh, der damalige Konzertveranstalter verlangte Römer ans Rohr. "Er hatte ein feines Teil als Ersatz besorgt - sogar mit Koffer!" Ende gut, alles gut! Toi, toi, toi, Karat!