Jean Guillou, Organist - Info


Ein spektukaläres Beispiel seiner Kompositonskunst - die DVD ist ein MUSS !


Kurzvita


Foto: © Jaques Le Goff

Ein kleiner Blick in seine Vita zeigt, was in ihm schlummert:

Guillou gilt als einer der herausragenden Organisten. Am 18. April 1930 in Angers geboren, war er ab 1945 Schüler der bedeutenden französischen Organisten und Komponisten Marcel Dupré, Maurice Duruflé und Olivier Messiaen.

Ganz in der Tradition seiner Meister hat sich Jean Guillou nicht nur als einer der führenden Interpreten von Orgelliteratur einen Namen gemacht, sondern vor allem auch als genialer Improvisator und Komponist. Dabei ist es ihm gelungen, die scheinbar gegebenen technischen Grenzen des Instrumentalspiels immer weiter hinauszuschieben.

In seinen Kompositionen entwickelte er seit seiner Jugend eine einzigartige individuelle musikalische Welt, in die er seine Zuhörer durch fesselndes Spiel entführt. Mit seiner Virtuosität und individuellen Auffassung von Registrierung und Rythmus hat sich Guillou um die Interpretation der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs verdient gemacht.

Er hat sich aber nicht nur als Konzertorganist einen Namen erworben, sondern auch als glänzender Pianist. Als Orgelsachverständiger konzipierte er etliche Instrumente, z.B. in St. Eustache (Paris), Tonhalle Zürich oder im Konservatorium in Neapel. In St. Eustache gibt er heute noch Meisterkurse in Improvisation und Orgelspiel.

Viele seiner Kompositonen, darunter auch etliche Orchesterwerke, Kammermusik, Transkriptionen für Orgel tragen seine unverwechselbare Handschrift.


CD-Veröffentlichungen (Mini-Auswahl)

Inhalt:

1. Jubile
2. Pastourelle
3. Saturnale
4. Pantomime: A Pulcinella
5. Paraphrase Pour Don Giovanni
6. Incantation
7. Primum Mobile
8. Elegie Pour Daphnis
9. Anacrouses
10. Anamorphoses
11. Rituel Pour Stravinsky
12. Marchen
13. Litanie

Hörproben: Hier ...

Ein amazon-Rezensent schreibt zu dieser CD:

"Ein Feuerwerk an Einfällen, vebunden mit der Ausbreitung der ganzen Klangfülle der Orgeln, die hier bespielt werden. Mit dabei meine Lieblingsorgel, die der Pariser "Marktkirche" St. Eustache. Die hervorragende Aufnahmequalität (Dorian-Recordings sei Dank) vermittelt etwas sowohl von den feinen Tonnuancen als auch von dem gewaltigen Klangvolumen der Königin der Instrumente. Zusammen mit dem genialen und exzentrischen Jean Guillou ein Ohrenschmaus!"

Anmerkung:

Nachdem ich die CD besitze, kann ich alles voll unterstreichen. Es ist eine atemberaubede Erfahrung mit dem freien Orgelspiel, der Improvisation. Eine faszinierende CD in wirklich hervorragender Aufnahmetechnik. Gerd

Inhalt dieser Improvisations-CD zu weihnachtlichen Themen:

1. Toccata on Jingle Bells
2. Rondo on the First Noël
3. Scherzo on Wassail Song
4. Cavatina on Angels, We Have Heard on High
5. Invention on Rejoice, Rejoice This Happy Morning
6. Lo, How a Rose
7. It Came Upon a Midnight Clear
8. Litanie on O Come, O Come Emmanuel
9. Capriccio on O Christmas Tree
10. Divertimento on Joy to the World
11. Variations on of the Father's Love Begotten
12. Pastorale on the Holly and the Ivy
13. Postlude on God Rest Ye Merry Gentlemen

Hörproben: Hier ...

Jean Guillous Website: Hier ...
Internationale Orgelkonzerte: Hier ...



Gerds Autogrammjuwel

 



Jean Guillou

ist zweifellos einer der weltbesten Organisten. Seine Improvisationen, also das freie Spiel nach einem vorgegebenen Thema, beherrscht er atemberaubend gut.

Ich erlebte ihn zum ersten Mal live am 5. Juli 2001 anläßlich der 50. Internationalen Orgelwoche in Nürnberg in der Kirche St. Sebald. Und war hellauf begeistert. Vor allem von der freien Improvisation zum Schluss des Konzerts, die ein Thema aus der Offenbarung 21, 1-27 zum Gegenstand hatte (siehe linke Spalte "Gerds Autogrammjuwel"). Naturgemäß beschränkte die Themenstellung der ION "Musica Sacra" die Möglichkeiten dieses Ausnahmeorganisten, des "Grandseigneurs" der Orgelwelt, sich noch freier zu entfalten. Noch freier die Möglichkeiten auszuloten, die dieser Genius in sich trägt. Dies holte Guillou bei einem denkwürdigen Konzert am Sonntag, 19. November 2006 in der Konzerthalle Bamberg nach, in der die größte Konzerthallenorgel Deutschlands steht. Und in der regelmäßig die Bamberger Symphoniker konzertieren. Ich habe eine solche Begeisterung von Orgelfreunden, die zum Teil von weither anreisten, noch nie erlebt. Wann kommt es schon vor, dass zweimal "Standing Ovations" gegen Ende eines fulminanten Konzerts mit zwei Zugaben (eine von Clerambault) die faszinierten Zuhörer einfach aus den Sitzen reissen? Man vergaß, dass Guillou fast 77 Jahre alt war. Gut, dass der Bayerische Rundfunk das Konzert aufgezeichnet hat und man es irgendwann noch einmal nacherleben darf.


Jean Guillou am 17.12.2006 in Saint Eustache, Paris - Foto: Philippe Ponçon


Jean Guillou in Bamberg, 14. Oktober 2012: Prächtiger Farbenrausch

"Organist in Residence" und neuer Kurator der Orgelreihe Gunther Rost © Foto: Christophe Sorenti

Zum zweiten Mal nach 2006 beehrte der Grandseigneur der Orgelkunst, Jean Guillou, die Bamberger Orgelfreunde in der Konzerthalle. Wenn man liest, dass er Schüler der weltbekannten Komponisten und Organisten Marcel Dupré, Maurice Duruflé und Olivier Messiaen war und seit über 50 Jahren als Titularorganist an der Pariser Kirche St. Eustache wirkt, weiß man seinen Besuch umso mehr zu schätzen. Begrüßt wurde er vom „Organist in Residence“ Gunther Rost, Nachfolger des überaus verdienten Prof. Edgar Krapp, dem bisherigen Kurator der Orgelreihe. Einen würdigeren Nachfolger hätte man sich gar nicht vorstellen können ...

Guillou stellte die einzelnen Stücke dann selbst in gutem Deutsch vor (Foto rechts) und schwang sich mit elegantem Hüftschwung auf den Orgelsitz. Zum Auftakt spielte er das „Concerto C-Dur BWV 594 nach Vivaldis Concerto „Grosso Mogul“ RV 208, eine Herausforderung für jeden Organisten. Guillou löste dies äußerst virtuos und natürlich (!) ohne Gebrauch von Notenmaterial.

Die folgende symphonische Dichtung „Säyao u „L’Oiseau bleu“ op. 50 („Der blaue Vogel“) beruhte auf einer einfachen koreanischen Volksweise, über die er bei einem Konzert in Südkorea improvisierte. Daraus entwickelte er später eine komplexe und sehr reizvolle Dichtung. Was verwunderte war, dass er für diese Eigenkomposition Noten verwendete. Um nicht der Versuchung zu erliegen, dass seine sich verselbständigenden flinken Finger doch wieder eine veränderte Improvisation kreieren? Wer weiß, das hätte ich ihm jedenfalls sofort zugetraut…

Vor der Pause spielte er noch seine Transkription über die Liszt’sche Komposition „Orpheus, Symphonische Dichtung Nr. 4“ in beeindruckender Weise. Wieder ohne Noten zu verwenden.

Was er als Abschluss des Konzertes mit der eigenen Transkription der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky wieder aus dem Gedächtnis bot, war überwältigend. Wenn ich ehrlich bin, vermisste ich keine Sekunde die ursprüngliche Klavierfassung oder eine orchestrale Version. Flotter als zum Beispiel in der Version des Bamberger Organisten Winfried Bönig (jetzt Domorganist in Köln) ging er die „Promenade“ oder auch „Bydlo“ an, wobei natürlich jede der Transkriptionen ihre eigenen Reize hat. Mit einer fantasievollen Registrierung lieferte er einen Querschnitt durch die vielfältigen Klangmöglichkeiten der großen Jann-Orgel, eine der größten Konzertorgeln Deutschlands. Wunderbar war zu beobachten, wie leicht seine Füße über das Pedal huschten. Und das mit 82 Jahren. Ein kleiner, aber feiner Vorgeschmack auf den Pedalartisten Cameron Carpenter, der im Mai 2013 ein sicher spektakuläres Konzert geben wird.

Tosender Applaus mit Standing Ovations des recht zahlreich erschienenen Publikums waren der verdiente Lohn für ein faszinierend-farbiges Klanggemälde.

Eine Zugabe wolle er, so Guillou mit schelmischem Unterton, wieder einem russischen Komponisten widmen: Peter Tschaikowsky. Der „Tanz der Zuckerfee“ geriet auch dank des Glockenspiels, einem Effektregister der Jann-Orgel, einfach zauberhaft! Hier vermisste ich ebenso wenig die orchestrale Version und dergleichen.

Klangzauberer Guillou hatte wieder einmal die Herzen der Orgelfreunde für sich gewonnen und hinterließ unauslöschliche Eindrücke, auch wenn man eine sonst übliche Abschluss-Improvisation doch etwas vermisste.


Der Maestro nimmt die Ovationen entgegen ... (Fotos: Gerd Müller)

Gerd Müller


Das Bamberger Konzert vom 19.11.2006 - ein Rückblick:

Der Mentor der Orgelreihe, Prof. Edgar Krapp, ein waschechter Bamberger und weitgereister Organist (er hat u.a. bei Marie Claire Alain, Paris, gelernt), stellte wie immer den Gaststar des Nachmittags vor. Vor allem geht er auf den Inhalt des Programms ein, damit die Zuhörer durch die Kommentierung die Musik und was deren Intension war, besser einordnen können. So erfährt man nebenbei auch, wie "eigenartig" manchmal die Orgel-Registrierungen von Guillou ausfallen - müssen - oder wie er symphonische Werke als Orgelfassung transkripiert, also bearbeitet. Wenn man bedenkt, dass Guillou zum Zeitpunkt des Konzert fast 77 Jahre alt war, wird sein Schaffen, seine Aura noch beeindruckender und bewundernswerter. Er ist ja nicht nur reproduzierender Künstler auf Orgel und Klavier, sondern kann eine Reihe toller Kompositionen vorweisen. Außerdem ist er Autor von Fachbüchern.

Das Konzert bestand aus folgenden Werken:

Johann Sebastian Bach (1685-1750) - Concerto C-Dur BMV 594, nach dem Concerto "Grosso Mogul" für Violine, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) - Adagio und Fuge c-Moll KV 546, Einrichtung für Orgel von Jean Guillou
Jean Guillou (*1939) - Scènes d´enfants (1973)
Robert Schumann (1810-1856) - Vier Skizzen für den Pedalflügel op. 58
Franz Liszt (1811-1886) - Tondichtung "Prometheus", Einrichtung für Orgel von Jean Guillou
Jean Guillou - Freie Improvisation über zwei gegebene Themen

Alles beeindruckend intoniert. Ja und uns stand nun die von allen erwartete freie Improvisation bevor. Edgar Krapp berichtete, dass ihn Guillou ausdrücklich gebeten habe, ihm die Themenstellung erst unmittelbar vor Beginn des Spiels zu verraten, weil er sonst "seinen Kopf nicht frei habe". Fairerweise, so Krapp, habe er dann zwei Themen ausgewählt (eines beinhaltete das Vorspiel zur Wagner-Oper "Tannhäuser", das andere Variationen op. 20 von Marcel Dupré , einem seiner französischen Lehrmeister). Wagner deshalb, weil das Stück, die Tondichtung "Prometheus" 'von Franz Liszt, der ja mit Wagner verwandschaftlich verbandelt war, auf dem Programm stand. Was erwiderte Guillou leise? "Ich spiele beide". Krapp übergab ihm zwei Notenblätter mit kurzen Beispielen und dann ging es los. Zuerst das Tannhäuser-Thema auslotend, variierend, sich steigernd, die Dupré -Passagen einflechtend ... und alles mündete in ein furioses Finale, vom Plenum der Riesenorgel lautstark wiedergegeben. Wowh ... Das ging unter die Haut.

Gerd Müller